Jan Gaspard

Was ist Wahrheit

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Ich habe kürzlich in einer privaten Korrespondenz mich an der Deutung des Begriffs "Wahrheit" abgearbeitet. Fürs Gedächtnis poste ich den Brief hier mal in Auszügen, muss ihn aber aus Persönlichkeitsrechtsgründen an einigen Stellen x-en. Ich hoffe, der Sinn bleibt trotzdem erhalten:

"Hm, liebe xxx, auf einen Aspekt deiner Antwort möchte ich antworten: Auf den der Wahrheit (denn die ist für mich als Journalist und Enthüllungs-Autor ja irgendwie mein Beruf...).

Für mich gibt es eine absolute Wahrheit allein in dem Augenblick, der gerade geschieht. Jetzt erlebe ich die Wahrheit meines Seins wie auf der Spitze eines Wellenkamms; und mit allen mir zur Verfügung stehenden Sinnen quasi multi-emotional. Das ist das Leben, ganzheitlich erfahren. Das ist DIE Wahrheit des Augenblicks.

Aber schon im nächsten Augenblick ist der Augenblick / die Gegenwart vorbei; und Vergangenheit. Und damit kommt einem die allumfassende Wahrheit über den vergangenen Augenblick abhanden, weil man ja schon im nächsten Augenblick steckt, der wieder seine eigene ganz und gar vorhandene Wahrheit hat.

Betrachte ich, was war oder was sein wird, unterliegt alle Wahrheit darüber dieser Perspektivbeschränkung, die auch du für xxxxxxx xxxxxxx beschreibst. Aber selbst deine eigene Wahrheit, die du einmal über etwas Vergangenes hast, verändert sich weiter. Erinnerungen sind Veränderungen unterworfen - in den Synapsen deines Gehirns. Erinnerungen können sich ins Positive verstärken; oder ist Negative - je nachdem wie man veranlagt ist. Was ist da noch Wahrheit? Kraft Definition aus den Sprachwissenschaften wird zur Wahrheit das, was die Meisten oder die Lautesten als Wahrheit proklamieren und vertreten. Wahrheit (über Vergangenes; und das kann auch der gerade vergangene Augenblick schon sein) ist damit ein (politisches) Instrument, mit dem in der Gegenwart Ziele verfolgt werden. Die Wahrheit (über die Vergangenheit und Zukunft) in diesem Sinne ist stets das, was (einzelne) Menschen daraus machen.

Das kann man falsch und richtig finden; jedenfalls wurde so immer Wahrheit "gemacht" -- und eigentlich zurechtgelogen und manipuliert.

Ich denke, diese Verlogenheit von Wahrheit, die immer nur ein Ziel des Wahrheitsverkünders in der Gegenwart verfolgt, ist es, was uns auf "andere" Wahrheiten als die unsere so negativ reagieren lässt. Wir fühlen die (immer vorhandene) Lüge des Gegenübers, die Wahrheit in seinem Sinne "zu beugen". Egal, ob der das bewusst oder unbewusst macht.

Wahrheit ist immer das, was man daraus macht. Aus der eigenen Motiv-Lage heraus. Da gibt es kein Entrinnen. Die Motive meiner Wahrheit können sich ändern; die Anerkennung meiner Wahrheit durch die Umwelt kann wachsen, schrumpfen oder ganz verschwinden. Und dabei ist jede Wahrheit auch eine Lüge, weil der Augenblick, in der die Wahrheit Wahrheit war, längst vergangen ist - oder erst noch sein wird; und wir nie wirklich alles darüber erinnern oder vermuten können.

Jetzt kann man sagen, Gott ist die Wahrheit, weil er immer war und immer sein wird und alle Zeit im Jetzt erlebt. Ja, das wäre eine Definition von Gott, mit der man ihm zum Herr über die Wahrheit machen könnte. Aber es hat keine Relevanz für den Menschen, wenn ihm dieses gewaltige Immer-Gegenwart-und-Wahrheit-Gedächtnis nicht praktisch zugänglich und nutzbar wäre.

In der Esoterik gibt es viele Überlegungen, irgendwie im Quantenraum dieses Alle-Wahrheit-Gedächtnis zu verorten - und über Meditation, Intuition oder was auch immer einen Weg zu suchen und zu finden, dieses Alles-Wissen für das individuelle Sein anzuzapfen. Ich halte das letztlich für totalen Quatsch; ich bleibe am Ende des Tages auch mit all diesen tollen Techniken nichts weiter als mein Kopf (NICHT auf irgendeiner metamorphosen Ebene ala Rupert Sheldrake) und bin ein Opfer meiner Ich-möchte-gerne-Wahrheit.

Damit bleibt übrig (aus meiner Sicht): Wahrheit ist das, was ich zur Wahrheit mache. Und je mehr ich von meiner Wahrheit überzeuge, desto mehr wird es zu einer Wahrheit, die gilt und funktioniert (in und für die Gegenwart). Wahrheit ist damit ein gefährliches Machtinstrument - ja. Und genau da ist die Wechselwirkung der Wahrheit mit der Liebe entscheidend. Wie setze ich immer manipulierbare Wahrheit ein, was sind meine Motive? Eigener Machtgewinn? Eigene wirtschaftliche Vorteile? Ruhm und Ehre?

An der Summe dieser "Erlöse", die der Einsatz für eine / meine Wahrheit erzielt, kann man (denke ich) den Gehalt der Liebe innerhalb der "eingesetzten" Wahrheit ermitteln: Je weniger emotionaler oder materieller Profit aus der Wahrheit gezogen werden konnte, von dem, der für seine Wahrheit eintrat, desto mehr kann Altruismus (und damit vielleicht Liebe?) vermutet werden bei den Motiven, die die Wahrheit manifestierte.

Es ist wie in der Kriminalistik: "cui bono" - wem nützt es? Wendet man das auf dargestellte Wahrheit an (wem nützt die eingesetzte Wahrheit?), erfährt man etwas über Motive. Und darüber welchen Charakter eine benutzte / eingesetzte Wahrheit in ihrem Innern hat und ob ihr vielleicht tatsächlich die Liebe zugrunde liegt.

Die Enneagramme haben mich immer verwirrt. Ich konnte mich immer fest und glaubhaft in acht von neun Typen sicher verorten... Allein der Boss wollte ich einst immer sein; war es aber nie. Alle anderen Acht sind sehr deutlich gegenwärtig (was ja nicht sein dürfte... ;-)

Aber auch für die Enneagramme gilt - wie immer für jede Wahrheit (wie oben dargestellt): Es ist die Wahrheit dessen, der es erfunden hat, - ja, aus welchen Motiven? Ehrgewinn? Profit? Selbstbefriedigung? - Es ist wieder nur eine Teilwahrheit dessen, der es einsetzt für ein egoistisches Ziel. Ein Metapher. Aber nicht die ganze Wahrheit.

(...)"

Vielleicht kann ja hier jemand damit was anfangen.

Liebe Grüße,
Jan Gaspard

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Kommentare

  1. Avatar von bullpiet
    Schaut man sich dann noch dass 4-seiten modell des Friedemann Schulz von Thun an, wird man schnell merken, dass jedes stueck information, ob "wahr" oder "unwahr"sobald es kommuniziert wird, vier Aspekte beinhaltet:
    Sachebene, Selbstoffenbarung, Beziehung, und Appell beinhaltet. Sprich, was sage ich, was sagt dies ueber mich, was sagt dies ueber unsere Beziehung, und was will ich damit erreichen.

    Genau dadurch wird "Wahrheit" subjektiv.
  2. Avatar von goodoldrebel
    Jan, wie sollen wir letztendlich die Wahrheit feststellen? Wir kennen uns doch nicht einmal selbst zur Genüge und wissen oftmals nicht, welche Beweggründe uns tatsächlich zu einer Handlung veranlassen. Es ist ja auch nicht so, als gäbe es nur einen; in den meisten Fällen sind es dann tatsächlich mehrere, ohne das es uns bewusst ist.
    Oder es ist uns bewusst und der Beweggrund ist wenig schmeichelhaft, dann versuchen wir ihn zu schmücken oder zu verbiegen, dass es für die Mitmenschen einen anderen Anstrich bekommt.

    Dann spielt ja die persönliche Wahrnehmung auch eine Rolle. Jeder deutet Ereignisse auf seine Art und Weise, ganz wie es seine Hard- und Software ermöglicht. Der eine hat ein "schwaches" Hirn, dafür aber ein starkes "Herz" und bei dem anderen ist es umgekehrt. Oder man ist in beidem stark oder schwach.

    Dennoch lohnt es sich auf die Gralssuche zu begeben. Wer sucht, wird immer etwas finden und wer will, wird es auch anwenden können. Die Beweggründe machen den Menschen aus. Sind diese lauter, dann wird man auch auf die ein oder andere Weise reich, wenn man das reine Gold findet.